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Nadelstichverletzung in Famulatur und KPJ im Ausland

Celina Köhsl
Celina KöhslMedizinstudentin, Teammitglied von travel4med
  • 21. August 2026
  • 11 Minuten
Nadelstichverletzung in Famulatur und KPJ im Ausland

Nadelstichverletzung im Ausland: dein Notfallplan für Famulatur und KPJ

Eine Nadelstichverletzung ist eine Stich-, Schnitt- oder Kratzverletzung mit einem scharfen oder spitzen medizinischen Instrument, das mit Blut oder anderen Körperflüssigkeiten einer Patientin oder eines Patienten verunreinigt sein kann. Genau so definiert es die MedUni Wien für ihre KPJ-Studierenden. Passiert dir das in einer Auslandsfamulatur, hast du im besten Fall zwei Stunden Zeit, um eine HIV-Postexpositionsprophylaxe zu starten, spätestens 72 Stunden. Die Kurzantwort für dich: Wunde bluten lassen, desinfizieren, sofort zur Ärztin oder zum Arzt vor Ort, Serostatus der Herkunftspatientin klären lassen und die Verletzung selbst melden. Denn im Ausland macht das niemand für dich.

Geschrieben von MUDr. Andreas Zehetner, der österreichische Medizin- und Pflegestudierende auf Famulaturen, KPJ-Tertiale und Pflegepraktika an den travel4med-Standorten vorbereitet.

Key Takeaways

  • Zwei Stunden sind das Ziel: Eine HIV-PEP soll laut dem österreichischen Gesundheitsportal am besten innerhalb von zwei Stunden beginnen, sonst möglichst innerhalb von 24 Stunden und spätestens 72 Stunden nach dem Risikokontakt.
  • Im Ausland meldest du selbst: In Österreich leitet die Station die Meldung an die AUVA weiter. Bei einer Auslandsfamulatur musst du das selbst tun (ÖH Med Graz, Stand 08.11.2023).
  • Die ÖH zahlt mit: Die ÖH-Unfallversicherung deckt seit 01.10.2014 ausdrücklich die Behandlung von Nadelstichverletzungen und die daraus folgende prophylaktische Therapie gegen HIV sowie Hepatitis A, B und C.
  • 70 Cent pro Semester: Genau so viel deines ÖH-Beitrags fließt in Unfall- und Haftpflichtversicherung - ohne Selbstbehalt, mit 7.500 Euro für Unfallkosten und 1 Million Euro Haftpflichtsumme.
  • Die AUVA ist nicht automatisch dabei: Sie führt die Unfallversicherung für rund 320.000 Studierende, prüft bei Auslandsbezug aber erst, ob österreichisches Recht überhaupt anzuwenden ist.
  • Das Risiko ist regional sehr unterschiedlich: Die WHO rechnet mit 0,2 bis 4,7 Nadelstichen pro Person im Gesundheitswesen und Jahr - je nach Region.
  • Vorbereitung schlägt Improvisation: Impfpass prüfen, Hepatitis-B-Titer kennen, Notfallnummern offline speichern und vorab wissen, wo das nächste Behandlungszentrum liegt.

Was ist eine Nadelstichverletzung genau - und warum ist sie im Ausland ein Thema?

Zur Nadelstichverletzung zählen laut MedUni Wien alle Stich-, Schnitt- oder Kratzverletzungen mit scharfen oder spitzen medizinischen Instrumenten wie Kanülen, Lanzetten oder Skalpellen, die durch Blut oder andere Körperflüssigkeiten verunreinigt sein können. Entscheidend ist nicht, wie weh es tut, sondern ob die Haut in allen Schichten durchtrennt wurde.

Im heimischen Spital ist der Weg eingespielt: Du gehst zum arbeitsmedizinischen Dienst, die Station meldet, alles läuft. In einem Partnerspital auf Sri Lanka, in Nepal, auf Bali oder Sansibar gibt es diesen Automatismus nicht. Es gibt vielleicht keinen Betriebsarzt, keine österreichische Meldekette und keine Selbstverständlichkeit, dass jemand den Serostatus der Patientin dokumentiert. Deshalb brauchst du deinen eigenen Plan, bevor du in die Famulatur im Ausland oder ins KPJ-Tertial startest.

Und ja, das betrifft auch Pflegestudierende: Blutabnahmen, Verbandwechsel und Infusionen gehören im Pflegepraktikum im Ausland genauso zum Alltag wie im KPJ.

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Was musst du nach einer Nadelstichverletzung sofort tun?

Die MedUni Wien beschreibt für Studierende in WIGEV-Spitälern und im AKH Wien ein klares Vorgehen. Dieselbe Reihenfolge funktioniert auch in einem Spital in Pokhara oder Galle - nur dass du sie selbst anstoßen musst.

  1. Bluten lassen. Lass die Wunde ausreichend bluten oder induziere die Blutung durch Druck, rund fünf Minuten lang.
  2. Antiseptikum einbringen. Alkohol- oder jodbasiertes Antiseptikum in die Wunde geben und mindestens 30 Sekunden einwirken lassen.
  3. Herkunftspatientin notieren. Wenn möglich Name und Geburtsdatum aufschreiben und den Serostatus für HBV, HCV und HIV erheben lassen.
  4. Sofort Hilfe holen. Sprich die betreuende Ärztin oder den betreuenden Arzt direkt an. Warte nicht bis zum Dienstende und nicht bis zum nächsten Morgen.
  5. Blutabnahme veranlassen. Dein Ausgangsstatus wird dokumentiert - er ist später der Beweis, dass eine Infektion aus diesem Ereignis stammt.
  6. PEP-Indikation abklären lassen. Bei einer perkutanen Verletzung mit einer Hohlnadel besteht laut Gesundheitsportal eine Indikation zur HIV-PEP.
  7. Melden. Schreib eine Mail an die AUVA-Landesstelle, an die ÖH-Versicherung und an dein Studienreferat - am selben Tag.
  8. Alles dokumentieren. Datum, Uhrzeit, Ort, Instrument, Tätigkeit, Zeugen, eingeleitete Maßnahmen. Fotografiere handschriftliche Notizen ab.

Grün-weisses medizinisches Verbrauchsmaterial auf einer Ablage - im Auslandsspital solltest du vorab wissen, wo Antiseptikum und Abwurfbehälter stehen

Wie schnell muss die Postexpositionsprophylaxe starten?

Sehr schnell. Laut dem österreichischen Gesundheitsportal soll eine HIV-PEP möglichst rasch beginnen: am besten innerhalb von zwei Stunden, sonst möglichst innerhalb von 24 Stunden und spätestens 72 Stunden nach dem Risikokontakt. Danach wird sie meist 28 Tage lang durchgeführt.

Zeitfenster für die HIV-Postexpositionsprophylaxe nach einer Nadelstichverletzung Eine waagrechte Zeitachse mit vier Markierungen: Stunde 0 als Zeitpunkt der Verletzung, 2 Stunden als optimaler Start der PEP, 24 Stunden als noch guter Start und 72 Stunden als spätester Start. Rechts steht die Therapiedauer von 28 Tagen. PEP-Zeitfenster nach dem Stich Stunde 0 Stich passiert 2 Stunden bester Startzeitpunkt 24 Stunden noch möglichst hier 72 Stunden spätester Start danach 28 Tage Therapie
Zeitangaben laut Gesundheitsportal des österreichischen Gesundheitsministeriums, Artikel "HIV: Postexpositionelle Prophylaxe (PEP)", letzte Aktualisierung 30.11.2021, abgerufen am 21.08.2026.

Das heißt praktisch: Du kannst nicht erst am Abend googeln, wo das nächste Behandlungszentrum ist. Kläre das in der ersten Praktikumswoche - gemeinsam mit deiner Koordinatorin vor Ort. Wo genau die travel4med-Standorte liegen und welches Partnerspital dazugehört, steht auf der Standortseite.

Wie hoch ist das Risiko im Ausland wirklich?

Belastbar, aber regional sehr verschieden. Die WHO hat für ihre globale Modellrechnung 14 Regionen ausgewertet und kommt auf durchschnittlich 0,2 bis 4,7 Nadelstiche pro Person im Gesundheitswesen und Jahr. Der Anteil der jährlich exponierten Beschäftigten lag bei 5,9 Prozent für Hepatitis B, 2,6 Prozent für Hepatitis C und 0,5 Prozent für HIV.

Jährlich exponierte Beschäftigte im Gesundheitswesen nach Erreger (WHO-Modell) Drei Balken zeigen den jährlichen Anteil exponierter Beschäftigter: Hepatitis B 5,9 Prozent, Hepatitis C 2,6 Prozent und HIV 0,5 Prozent, laut der WHO-Modellrechnung zur Krankheitslast durch Stichverletzungen. Jährlich exponiert: Anteil des Gesundheitspersonals 5,9 % Hepatitis B 2,6 % Hepatitis C 0,5 % HIV Modellrechnung über 14 Weltregionen
Quelle: World Health Organization, "Sharps injuries: assessing the burden of disease from sharps injuries to health-care workers at national and local levels" (Environmental Burden of Disease Series), abgerufen am 21.08.2026.

Wichtiger als die Prozentzahlen ist für dich der zweite Befund derselben Studie:

ErregerJährlich exponiertGeschätzte berufsbedingte Infektionen weltweitAnteil, der in Entwicklungsregionen auf Stichverletzungen zurückgeht
Hepatitis B (HBV)5,9 %rund 66.00040-65 %
Hepatitis C (HCV)2,6 %rund 16.00040-65 %
HIV0,5 %200-5.000 (Erwartungswert 1.000)0,5-11 % (alle Regionen)

In Industrieregionen sinkt der auf Nadelstiche zurückführbare Anteil auf 8 bis 27 Prozent bei Hepatitis C und unter 10 Prozent bei Hepatitis B - vor allem wegen Impfungen und PEP. Genau darum ist die Vorbereitung so wirksam: Nicht die Nadel ändert sich, sondern dein Impfschutz und dein Reaktionstempo. Mehr dazu im Guide zu den Reiseimpfungen für die Auslandsfamulatur.

Versicherung: Was ÖH und AUVA nach einer Nadelstichverletzung zahlen

Hier wird es für österreichische Studierende überraschend gut. Die seit 01.10.2014 gültige Unfall- und Haftpflichtversicherung der ÖH nennt Nadelstichverletzungen ausdrücklich: Der Versicherungsschutz erstreckt sich laut MedUni Wien auch auf die Behandlung von Nadelstichverletzungen sowie die daraus folgende prophylaktische Therapie zur Vorbeugung von Infektionen, etwa HIV und Hepatitis A, B und C.

VersicherungWer zahlt den BeitragWas gedeckt istGilt im Ausland?
ÖH-Unfallversicherung70 Cent aus deinem ÖH-Beitrag pro SemesterNadelstichbehandlung plus PEP, 7.500 Euro Unfallkosten, 50.000 Euro Unfallkapital, 15.000 Euro bei Unfalltod, kein SelbstbehaltJa, ausdrücklich auch bei Praktika im In- und Ausland
ÖH-Haftpflichtversicherungderselbe Beitrag1.000.000 Euro für Personen- und Sachschäden an DrittenJa, In- und Ausland
AUVA (gesetzliche Unfallversicherung)Pflichtversicherung, kein eigener BeitragUnfallheilbehandlung, Rehabilitation, Versehrtenrente ab 20 % Minderung der Erwerbsfähigkeit bei PraktikaBei Auslandsbezug muss erst geprüft werden, ob sie greift
Private Auslandskrankenversicherungdu selbstKrankheitskosten vor Ort, Rückholtransport nach ÖsterreichJa - von der ÖH ausdrücklich empfohlen

Zwei Fußnoten, die im Ernstfall zählen. Erstens: Die ÖH-Versicherung ist keine Krankenversicherung. Die ÖH Bundesvertretung empfiehlt für Auslandsaufenthalte ausdrücklich eine eigene private Polizze inklusive Rückholtransport. Welche Varianten es gibt, steht im Ratgeber zur Auslandskrankenversicherung für Famulatur und KPJ. Zweitens: Die AUVA führt die soziale Unfallversicherung für rund 320.000 Studierende, weist in ihrer Versicherten-Information (Stand 10/2025) aber selbst darauf hin, dass in Fällen mit Auslandsbezug erst geprüft werden muss, ob die österreichische Unfallversicherung überhaupt zur Anwendung kommt.

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Wer meldet die Nadelstichverletzung, wenn du im Ausland bist?

Du selbst. Das ist der wichtigste Unterschied zur Famulatur in Österreich. Die ÖH Med Graz formuliert es unmissverständlich: Im Inland meldest du die Verletzung auf Station oder der Ärztin, bei der du famulierst, und diese ist gesetzlich verpflichtet, die Meldung an die AUVA weiterzuleiten. Selbst melden musst du im Fall einer Auslandsfamulatur.

Die AUVA bestätigt die Logik von der anderen Seite: Ein Unfall muss gemeldet werden, damit überhaupt Leistungen erbracht werden können, und zuständig ist die örtliche Landesstelle. Studierende können im Einzelfall selbst melden - im Inland ersetzt das die Meldung durch den Träger der Ausbildungseinrichtung aber nicht. Im Ausland gibt es diesen Träger im österreichischen Sinn oft schlicht nicht, also bleibt der Weg bei dir.

Praktisch heißt das: drei Meldungen, am besten am Tag des Ereignisses. Erstens an die zuständige AUVA-Landesstelle. Zweitens an die ÖH-Versicherung über das Schadenformular, denn nur so greift die Kostenübernahme für Prävention und Therapie. Drittens an dein Studienreferat beziehungsweise die Stelle, die deine Famulatur anerkennt - Details dazu findest du im Beitrag zu Famulatur und KPJ in Österreich.

So senkst du das Risiko schon vor dem Abflug

Der beste Notfallplan ist der, den du nie brauchst. Diese Punkte erledigst du am besten in den Wochen vor dem Abflug, parallel zur Packliste fürs Auslandspraktikum:

  1. Hepatitis-B-Status prüfen. Lass deinen Anti-HBs-Titer kontrollieren und gegebenenfalls auffrischen, bevor du fliegst.
  2. Reisemedizinische Beratung buchen. Die MedUni Wien weist derzeit ausdrücklich darauf hin, dass vor geplanten Famulaturen, KPJ-Aufenthalten und ärztlichen Einsätzen in Mpox-Ausbruchsgebieten auch die Notwendigkeit einer prophylaktischen Mpox-Impfung geklärt wird.
  3. Behandlungszentrum recherchieren. Kläre in der ersten Woche vor Ort, welches Spital eine PEP vorrätig hat und wie du dort nachts hinkommst.
  4. Kontakte offline speichern. AUVA-Landesstelle, ÖH-Schadenformular, Notfallnummer deiner Versicherung, Koordinatorin vor Ort. Als Screenshot, nicht als Bookmark.
  5. Technik im Kopf haben. Kein Recapping, Abwurfbehälter vor der Punktion in Griffweite, Handschuhe konsequent, bei unruhigen Patientinnen eine zweite Person dazu.
  6. Grenzen kennen. Sag Nein zu Tätigkeiten, für die du nicht ausgebildet bist. Was du im Ausland fachlich erwarten kannst, beschreibt der Beitrag zur Auslandsfamulatur und zum KPJ aus österreichischer Sicht.

Wer in einem tropenmedizinischen Setting arbeitet, sollte sich zusätzlich mit dem lokalen Erregerspektrum beschäftigen - dazu passt der Beitrag zur Tropenmedizin-Famulatur. Und noch ein Hinweis aus der Praxis: Sprich das Thema Nadelstichverletzung am ersten Tag im Team offen an. In den meisten Partnerspitälern reagieren Kolleginnen und Kollegen sofort hilfsbereit, wenn sie wissen, dass du den Weg kennst.

Häufig gestellte Fragen

Quellen